12.08.2017

Stoneman Glaciara

Christl und Philippe befahren den neu eingeweihten Stoneman Glaciara by Roland Stauder

Ein angenehmer Wind bläst mir um die Nase und etwas Nebel zieht durch das Tal. Meine Kette ist frisch geölt und erst vor kurzem gab es einen neuen Satz Bremsbeläge. Nach einer ordentlichen Portion Schweizer Müsli fühle ich mich energiegeladen wie Popeye mit Spinat und freue mich auf die ersten 1000 Höhenmeter, die sich mit so einem Frühstück erfahrungsgemäß wie von selbst kurbeln.
Wie immer radle ich zusammen mit Philippe. Er ist Fotograf und Filmemacher und fährt oft einige Meter vor mir, um Licht und Umgebung zu prüfen, seine Kamera zu zücken und während meines Vorbeifahrens abzudrücken.


Wir wollen den nagelneu eingeweihten Stoneman Glaciara by Roland Stauder auf drei Tage befahren. Das ist ein markierter Mountainbike Rundkurs in den Berner Alpen des Kanton Wallis in der Schweiz mit einer Länge von 127 km und 4700 Höhenmetern.
Der Start ist für uns in Fiesch und führt uns über eine sanfte Forststraße in Serpentinen über die Fiescheralp zur Gletscherstube am Märjelen Stausee. Idyllisch liegt die Hütte zwischen Strahlhorn und Eggishorn. Nach dem Ansturm der Tagesgäste kehrt Ruhe ein und wir sitzen mit zwei netten Schweizern am Tisch zum Abendessen. Die beiden Banker erklären uns, dass sie hier Erholung durch Slow-Wandern suchen, keine Rekorde aufstellen wollen und bestellen sich eine Flasche Rotwein.
Am nächsten Tag strahlt die Sonne zu uns ins Matratzenlager und die Abfahrt bis zur Bettmeralp mit See auf kleinen Wiesentrails ist ein Hochgenuss. Von dort geht es in knackigen Schotterrampen hoch zur Bergstation der Moosfluh-Gondel. Während der Auffahrt zweifle ich schweißnass an der Sinnhaftigkeit dieser anstrengenden Schleife des Trails, werde jedoch am höchsten Punkt eines Besseren belehrt. Auf 2400 Metern Höhe bietet sich uns ein gigantisches Panorama auf den Aletschgletscher mit Aletschhorn und verschlägt mir die Sprache, weil ich auf einer Mountainbiketour noch nie eine solche Szenerie gesehen habe. Der Gletscher ist weiß, türkis, wenig zerklüftet und schlängelt sich vom Konkordiaplatz bis ins Rhonetal. Bis in den Zungenbereich des Gletschers ziehen sich zwei dunkle Spuren der Mittelmoränen, die wie überdimensional große Traktorspuren im Schnee aussehen.
Eine rasante Abfahrt auf spannenden schmalen Trails und weichen Waldwegen führt uns in den Talort Mörel.
Jetzt wird der Traum eines jeden auffahrtsorientierten Mountainbikers wahr, weil der Anstieg zum Breithornpass stetige 1700 Höhenmeter misst. Die Dorfstraße durch Grengiols ist gepflastert und äußerst steil. Ich beuge mich weit zu meinem Lenker hinunter, um meinen Schwerpunkt zu senken und versuche meinen Atem gleichmäßig zu halten, dabei aber nicht zu langsam zu werden. Mein Tacho zeigt eine beschämend geringe Zahl, als mir ein Bewohner des Dorfes mit Stock entgegenkommt und belustigt meint: „Innerorts gilt hier eine Geschwindigkeitsbegrenzung von 50 km/h!“ Ich versuche, ihm das herzlichste Lachen zu schenken, das mir in dieser Situation möglich ist.
Nach den Dörfern folgen wir einer alten Militärstraße. Links und rechts ragen reife Himbeerranken in den Weg. Die Vegetation ist langsam gesättigt vom Sommer und die Buchenblätter sind dunkelgrün. Mechanisch trete ich wieder und wieder in die Pedale, fahre die vielen Serpentinen weit aus und sehe Philippe vor mir in seinem tiefblauen fanfiluca-Outfit deutlich aus der Umgebung herausstechen.

Das Gefühl ist überwältigend, am zugigen Breithornpass anzukommen, eine Arena aus Gletschern vor dem berühmten Dreigestirn Eiger, Mönch und Jungfrau zu sehen und zu wissen, dass es heute nur noch abwärts durch das Binntal nach Binn geht.
Die letzte Etappe führt uns immer am Fluss Rhone entlang durch den Bezirk Goms. Wir sehen sogenannte Gommerhäuser aus dunklem Lärchenholz mit gemauertem Sockel oder kreisrunden Steinenplatten als Zwischenstützen, die die Mäuse vor Hunderten von Jahren von den Vorräten fernhalten sollten.
Auf dem Weg zurück nach Fiesch erwischen uns heftige Regenschauer. Danach weht uns der Fahrtwind warm unter das Trikot. Wenige Kilometer vor unserem Ziel ruft mir Philippe zu: „Meine Hose ist schon fast trocken!“ Schmunzelnd denke ich an meine erste Sportkleidung aus Baumwolle. Wenn sie einmal nass war, blieb sie das auch. Wir steigen ab, klopfen unsere gesprenkelten Oberflächen ab und stoßen mit einem Bier aus dem Wallis auf unsere Tour an.
Bericht: Christl Radies Fotos: Philippe Steinmayr

WISSENSWERT
Mehr über Christl und Philippe und ihre Touren erfahrt ihr hier: www.heading-north.eu
Unsere Streckenaufteilung war wegen dem sehr sonnigen zweiten Tag mit den 2500 Höhenmetern für uns genau richtig. Jedoch empfehlen wir die Etappen lieber gleichmäßig aufzuteilen.
Tipps zur Tourenplanung (inkl. GPX-Track) und weitere Infos gibt es direkt hier:
www.stoneman-glaciara.com/